Fresken in der Sahara entdeckt
Nach jahrelangen Forschungen kommen symbolische Malereien in antikem Gelände zum Vorschein
Von Mimmo Coletti

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Sie hat eine Methode entwickelt, die Fresken vor dem Licht zu schützen, vor dem heißen Hauch der Wüste, um die Farben unverändert zu erhalten, die sonst infolge der kurzen Wetterumschwünge der Jahreszeiten verschwinden würden und nur als bleiche Schemen vergangener Schönheit übrig blieben. Aus diesem Grunde findet sich eine Peruginerin, die erfahrene Restauratorin Barbara Mencarelli, schon das zweite Jahr in einem aufregenden Abenteuer auf ägyptischem Boden. So sicher und unfehlbar ist ihre nach langen Jahren der Experimente und Studien gewonnene Methode, daß sie die Aufmerksamkeit einer Wiener archäologischen Forschungsgruppe erregt hat, die den Eingeweiden der Erde die Erinnerung einer uralten christlichen Klostergründung koptischen Ritus’ des 3.-4. Jahrhunderts entreißt.

Der Ort heißt Abu Fano und liegt auf halbem Wege von Kairo nach Luxor inmitten der Wüste.
Die Temperaturen sind heiß, die Entdeckungen außergewöhnlich und Probleme der Erhaltung stellen sich laufend. Schon vor einem halbem Jahrhundert kam der beeindruckende Baukomplex eines Klosters zum Vorschein, im vorigen Jahr begannen unter Leitung von Professor Helmuth Buschhausen Forschungsgrabungen im gesamten Umfeld, die schon überraschende Resultate zeitigen.

Zuerst eine Kirche, jetzt (…) ein prächtiger, anschließender Saal, direkt an die Tempelwand angebaut, den sieben österreichische Archäologen und ein ägyptischer, die Restauratorin Mencarelli und etwa 50 Arbeiter zu neuem Leben erwecken. Zweiundzwanzig zu achtzehn Meter, der Fußboden aus Steinplatten, eine ungeheure Fülle an Fundmaterial: Gebrauchskeramik, in den Sand gegrabene Gefäße, mit Blattmustern und Tierfiguren bemalte Schalen, Kupfermünzen, Räuchergefäße, kleine Öllampen, die an Aladins Wunderlampe erinnern. Vielleicht die Wohnung eines Priesters oder ein Ort für [rituelle] Reinigung. Denn an einer Seite gibt es einen Brunnen, überbaut mit einem vermutlichen Sitz, und in einer Nische ein weites Becken, ähnlich einem Taufbecken. Der ganze Bereich ist mit einer Folge von Fresken umgeben, die jetzt in einer ersten Reihe zu sehen sind, eineinhalb Meter hoch, Barbara Mencarelli mußte alle Anstrengungen aufbieten, um ihnen einen festen Halt zu geben und ihrem schnellen Verfall Einhalt zu gebieten.

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Es sind sechs quadratische Felder je Wand, die sich in den Mustern ähneln, aber doch alle unterschiedlich sind, große Kreise, die andere Muster einschließen, Farben, die von Grün zum Gelb und von Hellblau zum Braun der Terra di Siena wechseln. Eine einheitliche Erzählung, vielleicht Symbole, die aufeinander folgen und auf eine Dechiffrierung warten, Zeichen die aus den exakten Wissenschaften schöpfen, hier der Geometrie, um das Geheimnis des Ortes zu unterstreichen. (…)
Die Arbeit der Restauratorin aus Perugia vollzog sich unter den schwierigen klimatischen Bedingungen des Ortes. Aber sie wurde mit einem vollem Erfolg belohnt, wenn man sieht, daß die Wandmalereien zum Glanz ihres originalen Zustands zurückgekehrt sind. (…)

Duccio Travaglia über Barbara Mencarelli
Dass die Natur eine nicht zu beschreibende Lyrik wäre, wie Montaigne (…) sagt, kann auch als eine Gegebenheit stillen Wissens angesehen werden, aber keinesfalls als Postulat einer expressiven Bilanz in der Kunst. Die naturalistische Beeinflussung wird zur Poesie und Meditation und letztlich zu einem Zögern und Trost, jedoch nie zu einem Geheimnis, das als Kult des nicht Erkennbaren verstanden werden könnte. Die Malerei hat darin ihren präzisen erzählenden Raum, der weit ab von illusorischen Verführungen zu einer Sehnsucht nach Dingen führt, die keiner speziellen Liturgie bedürfen.

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Alles wird klar, wenn man die Malerei von Barbara Mencarelli, einer jungen Künstlerin aus Perugia betrachtet, die in ihrer reizenden Einsiedelei von Mandoleto das Flüstern und Murmeln der Natur einfängt, begnadet mit der Empfindsamkeit zu hören und zu empfangen – ohne den tückische Einfluß der Banalität. Ihre Landschaften erhalten eine bestimmte Helligkeit, die zwischen Originalität, Erinnerung und Spürsinn in ein Spiel von Farbe, Rhythmus und Transzendenz hinein führt. Barbara löst sich los von der reinen Beschreibung, um in eine magisch expressive Erleuchtung einzutauchen, die über das Erlebte entscheidet. Mit einem Hauch von Gewalt, der manchmal die Härte als gewolltes Merkmal unterstreicht, vermeidet sie aufgesetzte Atmosphäre und zieht sich auf die eigenen lyrischen Beschwörungen in der Übersetzung der Farben zurück, manchmal vielleicht ein wenig an Fauve erinnernd, und nicht ohne ein geniales formales Können. Ihre Farben sind stets passend im Ton und Ausdruck, weder weich im Auftrag noch berechnend in der Symmetrie des Dialogs. Sie erreicht dadurch ein faszinierendes Ergebnis von Gefühlen, die den Beschauer plötzlich wie ein Peitschenschlag treffen. Es wird auch keine dialektische Gefühlsregung in dieser Malerei zu finden sein, die manchmal erbarmungslos und frei von Stimmungen zu sein scheint. Die Künstlerin verlangt weder Vergebung noch bietet sie Mitgefühl.

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Die erzählende Natur ist frei von Mysterien und gerade deshalb dringt ihre Magie bis in die Tiefe und in die Sinnlichkeit ihrer Motive und beeinflusst die stilistische Strenge; die Suche nach Wahrheit stellt sich über die Suche nach Eindrücken. Diese Eigenschaften kann man auch in den wenigen Portraits sehen, eine logische Mischung aus Temperament und Poesie. Hier findet man die Kraft wieder, die jeden Muskel, jede Gefühlsregung bewegt. Wie viel Erhabenheit in den Gesichtern , die in einer allegorischen Galerie aufgestellt zu sein scheinen als Zeugen eines klassischen Konzepts, das über die Nachahmung hinausgeht. In den Portraits findet man die Suche nach etwas, das über das Illustrative hinausgeht und formale und syntaktische Einflüsse überwindet.
Natürlich fehlen der Künstlerin nicht die Momente der Ruhe, in denen schwere Landschaften beim
ersten Betrachten eine reine Wiedergabe der Natur zu sein scheinen. Diese enthalten die Spannung einer authentischen Handschrift, bemüht die Dinge ohne Riten zu definieren. Unter schwerem eindrucksvollem Himmel entstehen Schatten und Weiten, Schweigen und Eindrücke, die einen Traum ohne Rückkehr zeigen, eine Natur, wie sie der Dichter beschreibt: absolut und voller Trauer.